
Dieses Jahr wird alles anders. Dieses Jahr wird das beste meines Lebens.
Das waren meine Gedanken am 1. Januar. Immerhin stand ein riesiger Meilenstein an: Im Februar durfte ich meinen 40. Geburtstag feiern. Ein runder Geburtstag bringt natürlich große Erwartungen mit sich. Und diese können auch schnell mal enttäuscht werden.
Mit der „4“ vorne kamen sehr viele verschiedene Gefühle in mir hoch. Da war auf der einen Seite eine unglaubliche, fast schon rebellische Erleichterung. Ich spürte den tiefen Wunsch nach einer radikalen Erlaubnis für mich selbst: Ich muss und will niemandem mehr etwas beweisen! Ich darf frei sein, ich muss mich nicht rechtfertigen für meine unkonventionelle Art zu denken, meine intensive Art zu fühlen, und auch nicht für meine Verletzlichkeit als hochsensible und neurodivergente Frau. Gleichzeitig bin ich dankbar für Begegnungen mit Menschen in meinem bisherigen Leben, die mir Wertschätzung für genau diese und weitere Eigenschaften entgegengebracht haben. Es gibt kaum etwas Wertvolleres, als sich wirklich gesehen und verstanden zu fühlen von anderen Menschen. Dieses Geschenk möchte ich auf jeden Fall auch in der Zukunft vielen Menschen machen.
Die magische Halbzeit: Zeit für meine eigenen Regeln
Denn die 40 ist ja nicht einfach nur irgendeine Zahl. Sie fühlt sich an wie eine Lebensschwelle, das Betreten der zweiten Lebenshälfte. Ein Innehalten auf der Mitte des Weges. Ich habe zurückgeschaut auf die ersten vier Jahrzehnte – auf all das Lernen, das Anpassen, das Suchen nach meinem Platz. Und plötzlich wurde mir klar: Die erste Lebenshälfte war vielleicht dafür da, herauszufinden, wie das Leben in dieser Gesellschaft funktioniert. Die zweite Hälfte gehört jetzt ganz mir. Sie ist dafür da, wirklich zu leben und meinen Platz zu finden. Ohne angezogene Handbremse. Ohne den Druck, in die Schablonen einer Welt zu passen, die oft zu laut und zu linear für mein System ist.
Ein Vision Board hatte ich – wieder einmal – nicht gebastelt. Trotzdem spüre ich immer wieder eine leise Stimme, die mir zuruft: Du darfst groß denken. Du darfst träumen. Meine Hochsensibilität und meine Neurodivergenz will ich endlich als meine Superkraft nutzen und nicht mehr als Blockade erleben.
Inzwischen habe ich verstanden, dass ich ähnlich wie eine Pflanze für mein Wachstum und mein „Erblühen“ gewisse Voraussetzungen benötige. Ich darf mich um mich selbst kümmern. Ich darf mich selbst bemuttern, freundlich und liebevoll mit mir selbst sprechen und die Dinge tun, die mir gut tun. Die Natur und die Wildpflanzen haben mich dieses Jahr wieder vieles gelehrt.
Die Kraft der Intention: Was wirklich nährt
Ich habe in diesem ersten Halbjahr etwas verstanden, das mich selbst überrascht hat: Die Intention hinter dem, was ich tue, ist fast wichtiger als das Tun selbst. Wenn ich mich zwinge, gesund zu essen, aber dabei innerlich total unter Stress und Druck stehe, dann nährt das meinen Körper nicht wirklich. Es blockiert mich eher. Bereite ich mein Essen dagegen achtsam, genussvoll und mit dankbarem Herzen zu, ist es echte Medizin.
Genau so ist es im Miteinander: Andere Menschen spüren sofort, ob meine Freundlichkeit echt ist oder nur aus einem Pflichtgefühl entspringt. Unsere Ausstrahlung lügt nicht. Als feinfühliger Mensch kenne ich die Falle, kopfüber in nicht enden wollende Gedankenkarussells zu stürzen. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich gedanklich von einem To-Do zum nächsten hetze und mein Gehirn den Ausschaltknopf nicht findet. Aber genau hier liegt das Geschenk meiner Neurodivergenz: Meine extrem ausgeprägte Sinneswahrnehmung! Sie ist der Notausgang aus dem Kopfkino und der Schlüssel zu mehr Erdung. Wenn ich den Duft einer Wildpflanze tief einatme oder barfuss über eine Wiese laufe, verankere ich mich sofort im Hier und Jetzt.
Darum sollten wir es den Kindern gleichtun; die Schuhe ausziehen und hineinlaufen ins bunte Leben. Auch im Herzen darf ich „barfuss“ sein und alle Erwartungen und Masken fallen lassen. Damit bin ich zwar verletzlicher, kann jedoch dadurch so viel mehr Freude und Lebenskraft spüren.
Eine Reise durch die Monate mit allen Sinnen






Reizüberflutung mal anders. Dieses halb Jahr habe ich bewusst nach „reizvollen“ Momenten in der Natur gesucht. Tatsächlich hatten wir diesen Januar auch ein paar verschneite Tage hier unten bei uns. Es waren so wunderschöne malerische Szenen, die ich unbedingt noch besser zu Papier bringen möchte. Die ganze Landschaft sieht so verzaubert aus unter einer Schneedecke. Und die Kinder hatten auch unglaublich viel Spass beim Schlittenfahren. Dieses reine, kindliche Glück im Hier und Jetzt war der erste Funke in diesem Jahr. Und bereits im Winter sind ja die ersten Knospen an den Bäumen sichtbar. Davon probierte ich diesmal einige.
Wenn ich auf die letzten sechs Monate blicke, sehe ich die vollkommene Weisheit der Natur – und wie alles seine ganz eigene Zeit hat. Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, die Natur in ihrem Wandel noch intensiver wahrzunehmen als sonst. Ich wollte sie mit allen Sinnen erfahren.
Nach dem Winter durfte ich das leise Erwachen der Natur beobachten. Der Bärlauch, der uns jeden Frühling mit seinem feinen Aroma den Speiseplan bereichert ist ja inzwischen schon sehr bekannt und auch beliebt, doch leider nur für begrenzte Zeit verfügbar. Löwenzahn, Giersch und Zinnkraut jedoch spriessen schon früh und erobern unsere Gärten das ganze Jahr über. Egal, wie oft die gewissenhaften und ordentlichen Gärtner versuchen ihnen Einhalt zu gebieten, sie kommen immer wieder zurück. Ich sehe mir das belustigt und auch etwas traurig mit an. Denn inzwischen weiss ich, dass diese sogenannten Unkräuter unglaublich wertvoll für unsere Gesundheit sind. Würden diejenigen, die sie auszurotten versuchen, sie in ihren Speiseplan integrieren, sie müssten weniger zum Arzt und zur Apotheke rennen. Ich gebe zu, auch ich verzehre sie noch nicht täglich und nicht in grossen Mengen, aber ich lerne immer mehr dazu. Jedenfalls betrachte ich sie nicht mehr als „Feinde“, sondern als meine wilden rebellischen Freunde, die mich mit ihrer unbändigen Lebenskraft inspirieren. So oft habe ich als neurodivergente Person die Angst zu viel oder zu wenig zu sein. Ich möchte wirklich mehr so unbekümmert wie diese rebellischen „Unkräuter“ sein, die einfach nie damit aufhören, sich auszudehnen und damit so wertvoll sind für so viele andere Lebewesen.
Auch Gänseblümchen sind so viel wertvoller als wir denken. Die Beschäftigung mit der Homöopathie hat mich auch noch mal ganz anders über die Beziehungen zwischen Menschen und Pflanzen nachdenken lassen.
Rund um Ostern im April stand ich unter dem Kirschbaum und habe das Meer aus reinweißen Blüten zutiefst genossen. Und wie durch ein Wunder durfte ich schon Ende Mai die ersten reifen, roten Kirschen direkt vom Baum naschen. Ungewöhnlich viele warme Tage im Mai liessen auch die Erdbeeren und die Holunderblüten schnell reifen – es war auch der Monat, in dem die Iris ihre majestätischen Farben entfaltete und die Getreidefelder mit leuchtenden, zarten Mohnblumen übersät wurden. Jetzt, im Juni, spriessen die Himbeeren und die Johannisbeeren und versüssen uns die sonnigen Tage, der Lavendel leuchtet auch in seinem zarten Violett. Und mein persönliches Highlight des Jahres, die Linden blühen. Ich liebe Lindenbäume und ich liebe den Duft ihrer Blüten. Auch das Mädesüss ist wundervoll. Die Blätter der Linde sind übrigens sehr mild und daher gut essbar.
Mein jüngerer Sohn hat im Mai nun das Fahrradfahren an einem Tag gelernt, so dass gemeinsamen Fahrradausflügen diesen Sommer auch nichts mehr im Wege stehen sollte. Bei einem Ausflug im Seleger Moor konnten wir zudem viele Seerosen und Frösche bestaunen. Es erinnert an den Garten von Monet. Frösche sind gleichwie Schmetterlinge faszinierende Lebewesen, die grosse Transformationen in ihrem Leben durchmachen. Ein paar wenige Male habe ich geschafft, meine Zeichen- und Malutensilien zu benutzen, um ein paar meiner Eindrücke festzuhalten, dabei ist das folgende entstanden.




Das geniale Gehirn und die Verbindung zum Herzen

Im April durfte ich einen Workshop der VHS in Zürich besuchen zum Thema „Gehirntraining“. Als neurodivergente Person hat mich das natürlich magisch angezogen.
Ein Thema aus diesem Workshop lässt mich bis heute nicht mehr los: Ein berühmter Test, den Dr. George Land einst für die NASA entwickelte. Die NASA suchte nach „kreativen Genies“ (Creative Geniuses). Als Dr. Land diesen Test später mit fünfjährigen Kindern machte, stellte er fest, dass 98 % von ihnen als kreative Genies eingestuft wurden! Sie dachten grenzenlos, wild und voller Möglichkeiten. Doch je älter die Kinder wurden – je mehr sie durch die Schule und das System geformt wurden –, desto drastischer sank die Zahl. Bei uns Erwachsenen sind es am Ende nur noch traurige 2 %.
Das hat mich zutiefst nachdenklich gemacht. Wir werden nicht unkreativ oder „falsch“ geboren. Uns wird die wilde, freie Genialität schlichtweg abtrainiert, um in die ordentlichen Schubladen der Gesellschaft zu passen. Und genau da schließt sich für mich der Kreis zu meinen wilden, rebellischen Pflanzenfreunden im Garten.
Wenn ich als neurodivergente Person wieder einmal die Angst habe, „zu viel“ oder „zu wenig“ zu sein, erinnere ich mich an diese 98 %. Mein rastloses, buntes Gehirn ist nicht kaputt – es weigert sich nur oft, zu dieser riesigen Mehrheit der angepassten Erwachsenen zu gehören. Ich möchte wieder so unbekümmert sein wie diese rebellischen „Unkräuter“, die nie damit aufhören, sich auszudehnen, und die genau in ihrer Ungezähmtheit so unendlich wertvoll für die Welt sind.
Doch der Workshop hielt noch eine zweite, wunderbare Erkenntnis für mich bereit: Unser Gehirn wird nicht plötzlich irgendwann steif und starr. Es besitzt Neuroplastizität – die lebenslange Fähigkeit, sich selbst komplett neu zu verdrahten und frische Synapsen (Verbindungen zwischen den Nervenzellen) zu bilden.
Und wann passiert dieses Wunder? Ausgerechnet dann, wenn wir uns überfordert fühlen! Synapsen entstehen immer dann, wenn das Gehirn etwas noch nicht kann. Wenn wir stolpern, stottern und die grauen Zellen heftig ins Schwitzen geraten. Um genau diesen Zustand im Workshop zu provozieren, haben wir verrückte Koordinationsübungen gemacht, bei denen man ungewohnte Bewegungen mit dem lauten Aussprechen von Wörtern kombinieren musste. Wenn die linke Hand etwas anderes tut als die rechte und der Mund gleichzeitig ein Worträtsel löst, schreit das Gehirn kurz: „Achtung, Überlastung!“ – und fängt im selben Moment an, neue Brücken zu bauen.
Für mich ist das eine faszinierende Erkenntnis. Es erklärt, wie ich es schaffen konnte, meinen Führerschein zu machen, auch wenn ich zu Beginn lange gefürchtet habe, ich könnte das Autofahren niemals lernen.
Noch effektiver kann das Gehirn arbeiten, wenn wir seine Verbindung zum Herzen berücksichtigen. Dazu gibt es spannende Erkenntnisse zur Hirn-Herz-Kohärenz nach dem HeartMath Institut.
Die Wissenschaftler dort haben herausgefunden, dass unser Herz ein eigenes, hochkomplexes Nervensystem besitzt – ein „kleines Gehirn“ im Herzen mit über 40.000 Nervenzellen. Und das Spannende ist: Das Herz sendet deutlich mehr Informationen nach oben zum Gehirn als umgekehrt! Wenn mein neurodivergentes Gehirn durch die Reizflut in den „Überforderungs-Modus“ schaltet, funkt es Alarm an den Körper. Mein Herzschlag wird unregelmäßig und chaotisch. In diesem Zustand können wir nicht klar denken, wir fühlen uns blockiert und ängstlich.
Doch wir können diesen Spiess bewusst umdrehen. Durch tiefe, gleichmäßige Atmung in die Herzgegend und das bewusste Aktivieren von positiven Gefühlen wie Dankbarkeit, Mitgefühl oder der Freude, die ich unter dem blühenden Kirschbaum empfunden habe, geschieht ein biologisches Wunder: Der Herzrhythmus wird harmonisch. Er kommt in die sogenannte Kohärenz. Sobald das Herz dieses harmonische, kraftvolle Signal nach oben schickt, signalisiert es dem Gehirn: „Alles ist sicher. Du darfst dich entspannen.“ Das Gedankenkarussell stoppt. Kreatives, vernetztes Denken ist wieder möglich.
Ausblick auf die zweite Jahreshälfte
Meine Reise durch die erste Jahreshälfte war voller spannender Erkenntnisse und tiefer Gefühle. Ich habe noch tiefer verstanden, dass mein neurodivergentes Gehirn kein Fehler ist, der repariert werden muss. Ich feiere es einfach, genau so wie ich die Unkräuter feiere, die uns die unverfälschte wilde Kraft von Mutter Natur in den Garten bringen.
In der zweiten Jahreshälfte will ich noch viel mehr über die Potentiale meines Gehirns und die Wildkräuter lernen. Dazu passen wunderbar meine Ausbildungen als Ernährungsberaterin und psychologische Beraterin.
Wie ist es bei dir? In welchen Bereichen deines Lebens versuchst du noch krampfhaft dich anzupassen und es jedem recht zu machen? Kannst du dir kleine Bereiche vorstellen, in denen du dir mehr Freiheiten gönnst?
Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen. Ich bin gespannt auf deine Gedanken.