
Lange habe ich nach Worten gesucht, doch nun steht er fest: Mein persönlicher Feminismus in 10 Sätzen, die alles verändern – von der Überwindung von Mangeldenken und Konkurrenzkampf hin zu einem Leben in weiblicher Fülle, Lust und Gemeinschaft.
Lange Zeit dachte ich, Feminismus sei ein Kampf um einen Platz am Tisch der Mächtigen. Ich steckte mittendrin in der „Reise nach Jerusalem“ unserer kapitalistischen Gesellschaft: Ein Spiel, das auf ewigem Mangeldenken basiert. Uns wird beigebracht, dass die Ressourcen knapp sind – dass es immer einen Stuhl zu wenig gibt und wir schneller, stärker und flexibler sein müssen als die anderen, um unseren Wert zu beweisen.
Dieses patriarchale Bild der Reise nach Jerusalem prägt tatsächlich unsere gesamte Wirtschaft. Uns wird suggeriert: Es ist nicht genug für alle da. Meine Grosseltern haben noch ganz konkret miterlebt, was es bedeutet, wenn die Lebensmittel knapp sind und das eigene Überleben nicht gesichert ist. Heute sind unsere Supermärkte zwar prall gefüllt, doch werden wir ständig mit Nachrichten überflutet, die eine Mangelmentalität propagieren und die Zukunft düster erscheinen lassen.
Frauen fühlen die kollektive Unsicherheit besonders intensiv. Gleichzeitig sind sie in besonderer Weise für das seelische Wohl von Kindern verantwortlich, ob als Mutter, Erzieherin oder Lehrerin. Kinder können die Unsicherheit und Unzufriedenheit ihrer Mütter auch sehr schnell spüren und werden dadurch in ihrer Entwicklung beeinflusst. Ich habe dies als Kind selbst erlebt. Ich konnte zwar eine gute Ausbildung abschliessen und einer geregelten Arbeit nachgehen, doch auch bei dieser Arbeit spürte ich die Unsicherheit, die entstand, wenn Mitarbeiter zeitweise ausfielen und spürte dadurch immer wieder grosse Verantwortung und Druck, selbst immer gut zu „funktionieren“.
Mein Platz in diesem Spiel geriet vollends ins Wanken, als ich Mutter wurde. Schon in der ersten Schwangerschaft schlug mein Körper Alarm; Beschwerden zwangen mich in die vorübergehende Arbeitsunfähigkeit und zeigten mir schmerzhaft, wie sehr ich meine eigenen Bedürfnisse bis dahin vernachlässigt hatte. Als mein Sohn ein Jahr alt war, versuchte ich den kräftezehrenden Spagat einer 40-Prozent-Stelle, bei der ich das Gefühl hatte, es niemals allen recht machen zu können.
Der endgültige Bruch kam dann mit der Pandemie. Als meine Teilzeittätigkeit in dieser Zeit endete, war das für mich kein Scheitern, sondern ein kosmisches Stoppsignal. Ich begriff: Der konventionelle Arbeitsmarkt mit seiner starren Forderung nach Flexibilität und ständiger Verfügbarkeit hat für mich keine Zukunft. In dieser Stille entdeckte ich gemeinsam mit meinem ersten Kind unsere Neurodivergenz. Es war das fehlende Puzzleteil, das mir erklärte, warum ich in einer Welt, die auf Schnelligkeit und Normierung setzt, niemals mein volles Potential leben konnte.
Weiblicher Perfektionismus und seine Folgen
In der Arbeitswelt beobachte ich bei vielen Frauen – mich selbst eingeschlossen – eine tiefe, oft unbewusste Verkrampfung. Es ist ein Perfektionismus, der sich wie ein unsichtbares Korsett anfühlt. Wir stehen unter dem enormen Druck, die Besten sein zu müssen, und fangen an, uns ständig zu vergleichen.
Diese Kritik an anderen Frauen ist dabei oft gar nicht laut oder direkt. Sie ist subtil. Sie zeigt sich in kleinen Bewertungen, in einem prüfenden Blick oder in dem, was nicht gesagt wird. Es ist ein leises Messen und Wiegen, das eine Atmosphäre von Misstrauen schafft, wo eigentlich Solidarität sein sollte. Wir sind so darauf trainiert worden, dass nur wenige von uns ‚gewinnen‘ können, dass wir die Frau neben uns oft unbewusst als potenzielle Bedrohung für unseren eigenen mühsam erkämpften Platz wahrnehmen. Dabei wäre unsere Solidarität unsere wichtigste Ressource.
Doch dieser Kampf hat einen unsichtbaren Preis, den besonders wir Frauen mit unserer Gesundheit bezahlen. Immer mehr von uns vernachlässigen ihre ureigenen Bedürfnisse und landen im Burn-out – ein Zeichen dafür, dass wir unsere inneren Ressourcen genauso rücksichtslos ausbeuten wie die Ressourcen unserer Erde.
Hier berühren sich mein persönlicher Feminismus und der Ökofeminismus: Das patriarchale System betrachtet weder die Natur noch den weiblichen Körper als etwas, das Schutz und Ruhe verdient, sondern als eine Ressource, die funktionieren und „liefern“ muss. Um den Erwartungen an ein „perfektes“ Äußeres zu entsprechen, greifen wir oft zu Produkten, die uns wortwörtlich vergiften. Es ist unglaublich, wie viele schädliche Stoffe in Kosmetikartikeln verwendet werden. Wir schaden uns selbst mit Chemikalien und Mikroplastik, während wir gleichzeitig die Umwelt belasten – ein Teufelskreis aus Selbstoptimierung und Umweltzerstörung. Wahre Befreiung bedeutet deshalb für mich auch, die Verbindung zum eigenen Körper und zur Natur wieder zu heilen und dem Diktat der ständigen Verfügbarkeit und Künstlichkeit zu entsagen.
Natürliche Weiblichkeit leben
Glücklicherweise gibt es im Bereich der Körperpflege schon starke Verbesserungen, immer mehr Frauen gehen kritischer mit den Produkten ihres täglichen Lebens um. Es gibt einen Trend zu DIY-Produkten in der Körperpflege und Ernährung, nach dem Motto, „lasse nichts an deine Haut, was du nicht auch essen wollen würdest.“ Besonders Heilkräuter und Ätherische Öle werden dabei immer beliebter. Die Körperpflege wird in wertvollen Selbstlieberitualen zelebriert. Frauen teilen ihre Rezepte miteinander, machen gemeinsame Kräuterwanderungen oder führen auch gemeinsam Rituale aus.
Weibliche Fülle zeigt sich auch ganz besonders im weiblichen Lustempfinden. Dieses funktioniert faszinierenderweise ähnlich einem Orchester. Frauen haben eine höhere Dichte an sensorischen Rezeptoren in der Haut als Männer. So können alle Berührungen und Sinnesempfindungen zum weiblichen Lustempfinden beitragen. Wenn eine Frau entspannt und sicher ist, kann eine Berührung am Nacken oder am Fuß das gleiche Lustzentrum im Gehirn aktivieren wie die direkte Stimulation. Dies zu verstehen, berührt mich sehr und erfüllt mich mit Dankbarkeit eine Frau zu sein.
Heute findet auch der Zyklus der Frau immer mehr Beachtung für ein erfülltes Leben im Alltag. Wenn Frauen ganz bewusst die Phasen ihres Zyklus für wichtige Aufgaben nutzen können, in denen ihnen besonders viel Energie zur Verfügung steht, können sie viel erfolgreicher sein und besser mit ihrer Energie haushalten. Das bedeutet Weiblichkeit leben ganz praktisch. Mir ist natürlich bewusst, dass es in vielen Jobs nur schwer möglich ist, sich Tätigkeiten und Projekte selbst frei einteilen zu können. Und doch ist es wichtig ein Bewusstsein dafür zu schaffen und Tabus zu brechen, indem offener darüber gesprochen wird.
Mit meiner aktuellen Ausbildung zur Gesundheitsberaterin lerne ich im Detail, was es für eine ganzheitliche Gesundheit braucht und will dabei den Fokus insbesondere auf die weibliche Gesundheit richten.
Für mich ergeben sich aus den aufgeführten Erklärungen die folgenden Sätze für meinen persönlichen Feminismus:
Mein persönlicher Feminismus – mein Verständnis von Weiblichkeit
- Die Natur und mein Muttersein lehren mich, dass das Leben aus einer unerschöpflichen Fülle schöpft, solange die natürlichen Rhythmen beachtet werden
- Sensibilität ist keine Schwäche, sondern die Antenne, die uns zeigt, wo das System fehlerhaft ist
- Mein Körper ist mein Freund – ich achte ihn und seine Bedürfnisse und lerne seine Signale zu verstehen
- Weibliche Lust ist meine verkörperte Sinnlichkeit
- Es ist meine heilige Verantwortung die Unversehrtheit meines Körpers zu schützen und „Nein“ zu giftigen Inhaltsstoffen in Kosmetik und Hygieneprodukten zu sagen.
- Mikrofeminismus bedeutet für mich, den Zwang zur Perfektion abzulehnen – egal ob es um ständig glattrasierte Haut, perfektes Styling oder ein Dauerlächeln geht.
- Wahre Autonomie bedeutet für mich die unbedingte Achtung meiner Gefühle
- Ein System, das Ausbeutung der Natur und Geringschätzung von Care-Arbeit lebt, ist zutiefst unlogisch und lebensfeindlich.
- Echter Feminismus bedeutet, den künstlich erzeugten Konkurrenzkampf abzulehnen und stattdessen Räume der echten Kooperation zu schaffen.
- Mein Wert als Frau richtet sich nicht nach meiner Leistung – ich bin unendlich wertvoll
Mein persönlicher Feminismus – Ausblick

Es ist gleichzeitig eine grosse Herausforderung und auch ein Privileg, heute eine Frau zu sein.
Wir müssen nicht warten, bis das Patriarchat uns freundlicherweise einen Stuhl hinstellt. Wir können anfangen, die Regeln des Spiels zu ändern, indem wir eine neue Ökonomie schaffen: Die Ökonomie der Fürsorge.
Die Natur ist verschwenderisch mit ihrer Schönheit, und als Mütter wissen wir, dass Liebe nicht weniger wird, wenn man sie teilt. Lasst uns das Spiel um beschränkte Plätze beenden. Stellt die Stühle zusammen und lasst uns alle Platz nehmen. In voller Gesundheit. In voller Kraft. In absoluter Fülle. Eine Fülle, die schon in der Bergpredigt verborgen liegt. Jesus stellte keine Stühle weg; er schuf Raum für alle. Er heiligte die Sanftmut, die Barmherzigkeit und den Hunger nach Gerechtigkeit und Frieden – Qualitäten, die in einer Leistungsgesellschaft als „schwach“ gelten, aber in Wahrheit unsere größte Kraft sind. Diese Wiederentdeckung von weiblichen Qualitäten wird uns eine Zukunft bringen, die Bestand haben kann und ein friedliches Miteinander ermöglicht.
„Es ist genug für jedermanns Bedürfnisse da, aber nicht für jedermanns Gier.“ – Mahatma Gandhi
Wo in deinem Alltag spürst du, dass deine vermeintliche ‚Schwäche‘ in Wahrheit deine größte Stärke ist? Lass uns gemeinsam nach diesen Lichtblicken suchen. Ich freue mich auf deine Gedanken.
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