Vollgas mit angezogener Handbremse: Mein Leben als neurodivergente Frau

Wenn man Kinder hat, blickt man oft wieder neu auf das eigene Leben und die eigene Kindheit. Seit der ADHS-Diagnose meines Sohnes habe ich dies schon öfters getan und dabei tun sich mir immer wieder neue Erkenntnisse auf. Es scheint so, als würde ich endlich Antworten auf meine oft gefühlte innere Zerissenheit finden, die ich trotz meiner Liebe für das Leben immer wieder spüre. Endlich weiss ich, dass ich mit meinem Erleben nicht alleine bin, sondern, dass es sogar viele Frauen gibt, denen es ähnlich geht und dass sogar in der Fachwelt Fachbegriffe für die einzelnen Phänomene existieren, für die ich mich bisher verurteilt gefühlt habe. In diesem sehr persönlichen Artikel möchte ich an Beispielen verdeutlichen, wie sich Neurodivergenz im Leben zeigen kann.

Ferrari im Stau: Warum Langeweile für manche Gehirne schmerzhaft sein kann

Einer der häufigsten Sätze, die ich von meinem Sohn höre, lautet „mir ist langweilig“. Dies gilt besonders, wenn wir unterwegs sind. Die Psychologin, die meinen Sohn diagnostiziert hat, hat ihm auch eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz bestätigt. Sein Verstand will ständig Futter. Seine Neugierde und Abenteuerlust sind gross. Manchmal jammert er dann so fest über die Langeweile, dass man das Gefühl hat, es würde ihm regelrecht Schmerzen bereiten. Ich schüttle dann immer ungläubig den Kopf, aber wenn ich tief in mich gehe, kann ich ihn verstehen.

Tatsächlich kenne ich das auch von mir. Ich habe es nur nie so sehr nach aussen gezeigt. In meiner Kindergartenzeit war das Thema „Langeweile“ auch sehr präsent. Das Aussengelände war nicht besonders anregungsreich gestaltet. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal den Wunsch hatte, einige Blätter der Bäume des Geländes zu erforschen und zu diesem Zweck einige Blätter pflückte. Die Erzieherin, die das sah, tadelte mich sofort dafür und bestrafte mich mit zehn Minuten auf dem Stuhl sitzen. Ich empfand das als sehr ungerecht, weshalb es sich mir auch tief ins Gedächtnis einprägte. Heute wünschte ich, ich wäre damals besser in der Lage gewesen, meine Gedanken und Bedürfnisse zu kommunizieren. Doch ich war der Meinung, dass es aussichtslos sei, mit Autoritätspersonen zu diskutieren und man sich einfach fügen sollte. (Immerhin schenkten mir meine Grosseltern von sich aus mal ein Mikroskop für Kinder, so dass ich wenigstens zu Hause Dinge erforschen konnte.)

Mein Sohn ist da heute ganz anderer Meinung. Er diskutiert mit jedem und sagt seine Meinung frei heraus, egal ob Kindergartenpädagogen, Lehrer oder Eltern. Ich bewundere das an ihm, auch wenn es für mich oft sehr herausfordernd ist.

Um das Thema Langweile und Neurodivergenz besser zu verstehen, muss man sich näher mit Dopamin befassen. Neurodivergente Gehirne, insbesondere bei ADHS, haben oft eine geringere Verfügbarkeit oder Wirksamkeit von Dopamin (dem Botenstoff für Belohnung und Antrieb).Es gibt

Es gibt den sogenannten „Zündungs“-Effekt: Ein neurotypisches Gehirn kann auch bei banalen Aufgaben (wie Kopfrechnen oder Aufräumen) ein gewisses Grundlevel an Dopamin aufrechterhalten. Das neurodivergente Gehirn braucht stärkere Reize (Neuheit, Komplexität, hohes Interesse), um überhaupt „anzuspringen“.

Die Folge: Wenn der Input zu langsam oder zu einfach ist (wie oftmals in der Schule), sinkt der Dopaminspiegel unter das Funktionsniveau. Das Gehirn schaltet in den „Energiesparmodus“ oder sucht sich verzweifelt Ersatzstimulation (Tagträume, Stimming).

Mir war schnell klar, dass ich keinen Job machen konnte, der grosse Eintönigkeit mit sich bringt. Die Aufgaben als Hausfrau und Mutter heute sind zwar sehr vielfältig, allerdings beinhalten sie auch viele eintönige Aufgaben, die auch sensorisch unangenehm sein können, wie schmutziges Waschwasser, starke Gerüche, das laute Geräusch des Staubsaugers. Es braucht daher immer viel Überwindung, um die Hausarbeit zu erledigen. Es hilft allerdings, wenn ich dazu Podcasts hören kann.

Was mir auch viel Entspannung und neue Energie bringt und mir niemals langweilig wird, ist die Beschäftigung mit der Kunst.

AuDHS bei Frauen: Zwischen Sensation Seeking und Burnout

Tatsächlich habe ich ähnlich wie mein Sohn eine grosse Neugierde und einen grossen Wunsch nach Abwechslung, nach angenehmer sensorischer Stimulation. Gleichzeitig sind die Rahmenbedingungen sehr wichtig, sowohl für ihn als auch für mich, so dass es nicht zu einer Reizüberflutung kommt und das Nervensystem in den Alarmmodus geht. Mein Sohn reagiert allerdings wieder ganz anders auf verschiedene Reize als ich.

Lange Zeit dachte ich, bei meinen intensiven Wahrnehmungen handle es sich lediglich um Hochsensibilität. Doch mehr und mehr gelange ich durch meine Recherchen und Reflektionen zu der Überzeugung, dass da etwas Tieferes dahinterstecken muss, genauer gesagt, eine Kombination aus ADHS und Autismus, inzwischen auch als AuDHS bekannt. Viele Frauen berichten auf Social Media über die inneren Konflikte, die sich daraus ergeben, und die Schwierigkeiten bei der Diagnose, da sich einiges auch gegenseitig aufzuheben scheint. Diese inneren Konflikte kenne ich nur allzu gut und das würde so einiges erklären, womit ich oft zu kämpfen habe.

Ich geniesse es sehr, mich inmitten einer schönen Naturkulisse zu bewegen, wenn das Wetter angenehm ist. Ich kann auch Spass empfinden, mit meinem Sohn zusammen mit einer Sommerrodelbahn zu fahren, wenn es nicht mehr als fünf Fahrten hintereinander sind. Danach wird es unangenehm, was wir schon selbst erfahren haben.

Genauso kann ich auch den Besuch eines Theaterstückes geniessen, wobei mir auch da die Atmosphäre wichtig ist. Zudem bin ich nicht gerne spät am Abend oder bei Regen unterwegs. Egal, wohin ich gehe, ich checke stets (meist) unbewusst meine Umgebung nach Gefahren ab. In Räumen checke ich die Ausgänge. Nun, da ich oft zusätzlich noch meine Kinder dabei habe, bin ich noch gründlicher in der Gefahrensuche. Dies ist ein grosser „Mental Load“, der sich sehr verringert, wenn mein Mann auch dabei sein kann. Ansonsten benötige ich hinterher eine längere Erholungszeit, um mich wieder zu regenerieren.

Die Reise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist auch immer wieder eine Herausforderung. Es kann viel Unvorhergesehenes passieren, wie starke Gerüche, laute Geräusche, fremde Menschen, die bei vollen Zügen ganz dicht an einem stehen, so dass man Sorge hat, den Zug rechtzeitig wieder verlassen zu können.

Bei plötzlichen lauten Geräuschen zucke ich kurz zusammen und bin sofort in Alarmbereitschaft. Wenn sich jemand mit starkem Parfüm in meiner Nähe aufhält, ist es für mich so, als würde ich diesen Duft herunterschlucken, was bei mir grossen Ekel auslöst. Wenn ich mich in einem Raum aufhalte, in dem mehrere Menschen durcheinanderreden, fühle ich mich sehr schnell gestresst und habe Mühe an einem der Gespräche teilzunehmen, weil ich alles gleichzeitig wahrnehme und nicht filtern kann. Dies führt dann zu einer tiefen Erschöpfung.

Daher plane und überlege ich sehr gründlich, bevor ich mich dazu entscheide, an einem bestimmten Event teilzunehmen. Wenn ich keine Begleitung habe und keine Betreuung für die Kinder, bleibt mir dann meist nur, mit meinem Mann oder der Familie einen Film zu schauen. Alleine mit einem Kind ein Museum zu besuchen, kann auch schon zu einer sehr anspruchsvollen Aufgabe werden. Ab und an ist es auch eine schöne Idee, das Zuhause mit den Kindern kurze Zeit fantasievoll umzugestalten.

Es gibt noch ein weiteres Merkmal, das für Autismus und teilweise auch für ADHS typisch ist. Das sogenannte Spiky Profile.

Spiky Profile: Zwischen Genialität und Versagensangst

Während ich eher spät laufen lernte, konnte ich schon früh sehr gut sprechen. In der Grundschule fühlte ich mich im Deutschunterricht bald unterfordert und im Matheunterricht hoffnungslos überfordert. Flüssiges Lesen und die Rechtschreibung meisterte ich problemlos. Doch beim Rechnen verwechselte ich noch eine Weile Plus und Minus und konnte lange nicht rechnen ohne Anschauungsmaterial. Im Kunst- und Sachunterricht blühte ich auf. Hier konnte ich in neue Welten tauchen und bekam Futter für mein hungriges Gehirn. Auch den Religionsunterricht mochte ich sehr und übernahm mit Freude eine Hauptrolle im weihnachtlichen Krippenspiel. Im Sportunterricht schämte ich mich schrecklich, weil ich keine Bälle fangen konnte.

Diese ungleichmäßige Begabungsstruktur („Spiky Profile“) ist für Autismus typisch. Der Begriff beschreibt ein Leistungsbild, bei dem die Stärken und Schwächen weit auseinanderliegen. Wenn man die Ergebnisse verschiedener Tests (z. B. Sprachverständnis, logisches Denken, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit) in ein Diagramm einträgt und die Punkte verbindet, ergibt sich kein flacher Verlauf, sondern eine gezackte Linie mit extremen Ausschlägen nach oben und unten – wie Spitzen oder Zacken (Spikes). Bei neurotypischen Menschen sind die Fähigkeiten meist relativ gleichmäßig verteilt. Bei neurodivergenten Menschen gibt es Gipfel und Täler. Bei mir sind diese auffällig:

  • GIPFEL: Sprache, Lesen, Wortschatz, tiefes philosophisches Verständnis. Kinder, die sich schon früh gut ausdrücken können, werden als kleine „Professoren“ wahrgenommen.
  • TÄLER:
  • Mathe, räumliches Denken, Sport. Dass ich in Mathe und Sport Schwierigkeiten hatte, liegt oft an der Art, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Mathe erfordert abstraktes, räumliches Denken; Sport erfordert Propriozeption (Körperwahrnehmung im Raum).
  • Räumliches Vorstellungsvermögen: Das hängt oft mit der sogenannten Dyspraxie oder Schwierigkeiten in der visuellen Verarbeitung zusammen. Es fällt schwer, den eigenen Körper oder Objekte im dreidimensionalen Raum präzise einzuordnen. Das erklärt auch, warum Sport (wo man Bälle fangen oder sich im Raum koordinieren muss) oft zum Stressfaktor wird.
  • leicht verzögerte motorische Entwicklung. Das Gehirn konzentriert sich so stark auf die kognitive/sprachliche Entwicklung, dass die Grobmotorik erst einmal „hintansteht“. Daher kann das Laufen lernen sich verzögern.

Wichtig zu erwähnen ist an dieser Stelle auch die emotionale Intelligenz. Diese wird weder in IQ-Tests erfasst, noch in der Schule thematisiert. Aufschluss darüber lässt sich nur durch soziale Interaktionen ziehen. Und auch hier habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Ich habe einerseits oft sehr intensiv gespürt, wie es anderen ging, aber wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Für sehr sensible neurodivergente Menschen gibt es sogar den Begriff der Hyper-Empathie. Dabei werden die Emotionen anderer so überwältigend tief gefühlt, dass die Person sich verschliesst, um sich zu schützen.

Ich fühlte mich besonders in meiner Teenager-Zeit auch aufgrund sehr unterschiedlicher Interessen wie in einer anderen Welt. Mit Mode, Schminke, Boybands konnte ich einfach nicht so viel anfangen. Mich interessierten mehr die Philosophie, die Poesie und die Kunst. Fremden Menschen gegenüber war ich meist zu Beginn eher reserviert, wohl auch aus Angst vor Zurückweisung. Meinen Freunden gegenüber war ich sehr loyal und hilfsbereit. Zudem hatte ich immer viel Mitgefühl für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Herausforderungen.

Die grosse Diskrepanz in meinen Fähigkeiten und meine erlebte Andersartigkeit hat bei mir immer wieder für grosse Unsicherheit und Selbstzweifel gesorgt. Darum besuchte ich nach der Grundschule zunächst auch die Realschule und nicht das Gymnasium. Dort hatte ich abgesehen von Mathematik, Physik und Sport überall gute Noten. Der Zeitdruck in Prüfungen und die mündliche Mitarbeit waren eine Herausforderung für mich und bremsten meine Leistungen etwas aus. Ich nahm mit meiner hohen Sensibilität jedes Geräusch und jede Stimmung wahr und liess mich leicht davon ablenken. Entgegen der Empfehlung meines Klassen- und Mathelehrers besuchte ich nach meinem Realschulabschluss dann schliesslich die gymnasiale Oberstufe und bestand mein Abitur mit einer guten Durchschnittsnote.

Nun war die grosse Frage, was ich nun beruflich tun wollte. Ich fühlte den grossen Wunsch in mir, das Leben anderer zum Besseren zu verändern zu helfen. Doch gleichzeitig fühlte ich mich dazu nicht kompetent genug. Wie viele neurodivergente Frauen litt ich unter dem Imposter-Syndrom. Gleichzeitig wollte ich einen abwechslungsreichen Job. Ich entschied mich dann relativ spontan für ein Studium der Empirischen Sprachwissenschaft. Hier konnte ich sehr tief in alle Aspekte von Sprache eintauchen. Doch wieder wusste ich nicht, wie ich beruflich damit arbeiten sollte. Nach einem Auslandsaufenthalt in den USA entschied ich mich für eine Erzieherausbildung. Die Ausbildung war sehr vielseitig. Ich arbeitete gerne mit den Kindern und durch meine Empathie konnte ich das Vertrauen vieler Kinder gewinnen. Herausfordernd war allerdings die Organisation und Führung der Kindergruppe, besonders die Gestaltung von Übergängen. Nach einem Arbeitstag habe ich mich mitunter ziemlich erschöpft gefühlt. Die vielen Reize, besonders die akustischen haben mit viel Energie abverlangt. Dazu kommt ein Hang zum Perfektionismus und eine mentale Nachbearbeitung vergangener sozialer Situationen.

Diese Erfahrungen fühlen sich an, als wäre man in einem Ferrari unterwegs und möchte Vollgas geben, doch irgendwas drückt gleichzeitig immer wieder auf die Bremse.

Zwischen Tagtraum und Transzendenz: Die Kunst, innerlich wegzulaufen

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich besonders enge Freunde im Kindergarten hatte. Ich lebte immer ein bisschen wie in meiner eigenen Welt, liebte das Zeichnen und Bücher. Andere Kinder schienen nicht die gleichen Interessen zu haben wie ich. Zuhause konnte ich sehr fantasievoll mit meinen Spielfiguren spielen. Sehr gerne war ich auch in unserem Garten oder in der Natur. Wenn ich sehr begeistert über etwas war, schüttelte ich meine Hände sehr kräftig. Heute weiss ich, dass das sogenannte „Handflapping“ ein typisches Merkmal von neurodivergenten Menschen ist, auch wenn es bei neurotypischen Kindern durchaus ebenfalls vorkommen kann.

Eine Bezeichnung, die ich immer wieder in Bezug auf mich hörte, war „die Träumerin“. Tatsächlich fühlte ich mich in meinen Tagträumen oft wohler als in der Realität. In der Realität war mir oft entweder langweilig oder ich fühlte mich überreizt von den Stimmen und Stimmungen der anderen. Auch zuhause nahm ich unbewusst stets die emotionale Atmosphäre in meiner Familie wahr und wurde dadurch oft verunsichert, weil diese oft von Sorgen und Ängsten belastet war. Meine Eltern liessen sich zwar nie scheiden, aber verhielten sich so, als wären sie kurz davor. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich müsste die Vermittlerin zwischen ihnen und besonders eine emotionale Stütze für meine Mutter sein, was mich natürlich überforderte. Meine Probleme machte ich meist nur mit mir selbst aus, denn ich war ja „so gesegnet mit Gesundheit, Schönheit und Intelligenz“. Mit 11, 12 Jahren entwickelte ich selbst tiefe Ängste und erhielt kein Verständnis dafür. Ansonsten funktionierte ich in der Schule gut, abgesehen von etwas Mobbing. Die grössere Sorge galt mehr meiner Schwester, die in der Schule als extrem ruhig und zurückhaltend auffiel. Eine grosse emotionale Stütze waren für mich die Freizeitaktivitäten und Bezugspersonen in der Kirche, die wir alle als Familie regelmässig besuchten. In meiner Fantasie flüchtete ich oft in eine märchenhafte, mystische Welt. Ich konnte auch sehr gut Figuren in den Mustern von Tapeten erkennen und mich eine ganze Weile in diese Welt vertiefen. Viel Zeit verbrachte ich zudem mit Lesen.

In der Schule hatte ich dann zwei, drei Freundinnen mit ähnlichen Interessen wie dem Sammeln von Stickern und kleinen Tierfiguren. In den Pausen gab es ein paar Beschäftigungen, die ich gelegentlich ganz gerne machte wie Gummitwist, Seilspringen und Turnen an der Kletterstange. Insgesamt mochte ich die Unterrichtszeiten aber tatsächlich lieber als die Pausen. Ich fühlte mich unwohl in dem chaotischen Gewusel und Lärm der vielen Kinder. Ich war mir oft unsicher, wie ich mich verhalten sollte. Ich erinnere mich noch, wie ich einigen Kindern beim Fussballspielen zusah und es völlig unverständlich fand, wie sie so viel Freude daran haben konnten, einem Ball hinterherzurennen. Ich stellte mir schon früh Fragen über den Sinn des Lebens, war sehr aufmerksam im Religionsunterricht und fragte mich, wann und vom wem ich denn endlich Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen erhalten würde.

Immer, wenn mir irgendwo die Sinnhaftigkeit fehlte, driftete ich weg. Wenn ich langen Monologen der Lehrer folgen musste, füllte ich den Rand meiner Schulhefte mit kleinen Kritzeleien. Ich war fasziniert, als ich auf der Oberstufe das Schulfach Philosophie besuchen konnte. Nun wusste ich endlich, dass ich nicht die einzige war, die sich immer wieder mit Sinnfragen beschäftigte. Eine ganz neue Welt tat sich mir auf. Ich verstand, dass unser Weltbild einen grossen Einfluss auf unser Verhalten und unseren Umgang mit unseren Mitmenschen hat. Die goldene Regel, die in einigen Religionen und Philosophien vorkommt, machte für mich absolut Sinn und wenn sich jeder daran halten würde, könnten wir alle friedlich miteinander leben. Wir sollten jeden so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten.

Ich lernte Englisch und Französisch und war fasziniert davon, wie sich sich durch andere Sprachen andere Denksystem widerspiegeln und sich die Ausdrucksmöglichkeiten noch einmal erweitern. Ich hatte einige Freunde, mit denen ich mich austauschen konnte und träumte immer wieder von dem perfekten romantischen Partner, den ich eines Tages treffen würde und der mich so gut verstehen könnte, dass er meine Sätze zu vervollständigen im Stande wäre. Einen solchen Partner habe ich nie gefunden, aber ich weiss heute, dass es sehr hilfreich für mich und die Menschen in meiner Umgebung ist, wenn ich bei Konflikten nicht die Flucht ergreife, sondern präsent bleibe und in mich hineinspüre. Ich kann mich fragen, warum ich mich fühle, wie ich mich fühle und was meine Bedürfnisse sind und dies kommunizieren. Sehr hilfreich dabei ist die gewaltlose Kommunikation und das Konzept des inneren Kindes.

Es ist auch etwas Wertvolles, sich die Phantasie zu bewahren und den stressigen Alltag auch aus anderen Perspektiven betrachten zu können. Die Kunst hilft mir dabei und ich möchte das in Zukunft noch mehr nutzen, um Erholungsinseln für mich zu schaffen.

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