
Was ist Selbstermächtigung?
Eines meiner Lieblingsmärchen als Kind war das Märchen von Aschenputtel, oder mit dem klangvolleren Namen in der Disney-Version «Cinderella».
Warum liebte ich dieses Märchen so sehr? Ich spürte bereits als Kind intuitiv, dass wir nicht hier sind, um ein Leben zu führen, dass darin besteht, all unsere Kraft und Energie in mühsamen und eintönigen Tätigkeiten zu verschwenden und uns von einer Autorität herumkommandieren zu lassen. Aschenputtel war genau in einer solchen Situation, doch sie rebellierte nicht dagegen. Sie hatte jedoch ein grosses Herz und Vertrauen in die guten Mächte und nutzte die Chancen, die sich ihr boten.
So schaffte sie es beim Ball zu erscheinen und das Herz des Prinzen zu gewinnen. Sie hatte dies im Gegensatz zu ihren Schwestern nicht geplant oder beabsichtigt, sondern es fiel ihr einfach zu. Ihr gutes Herz zog schliesslich Gutes an wie ein Magnet. Nun war sie viel freier über ihr Leben zu bestimmen und wurde gemeinsam mit dem Prinzen zu einer gütigen und weisen Herrscherin über das Land. So habe ich mir das jedenfalls vorgestellt.
Doch was wäre, wenn es keinen Prinzen gegeben hätte? In den heutigen Märchenfilmen sind die Heldinnen keine stillen und passiv wartenden jungen Damen mehr. Sie tun mutig ihre Wahrheit kund und sind manchmal sogar den Umgang mit Waffen gewohnt.
Aber waren denn wirklich alle Frauen in den alten Märchen passiv wartend auf einen Retter? Tatsächlich gibt es einige Beispiele, in denen eine Frau eine Retterrolle einnimmt. Oftmals handelt es sich dabei um eine Schwester, die ihre Brüder rettet, manchmal auch mit vielen Opfern verbunden. Ein Beispiel ist das Märchen von den sechs Schwänen. Bei dem bekannten Märchen von der Frau Holle werden zudem alle wichtigen Rollen von Frauengestalten übernommen. Frau Holle ist dabei die grosse Muttergöttin, die liebend oder strafend auftreten kann. Die Glücksmarie hat ein gutes Herz und handelt mit viel Mitgefühl, ohne auf ihren eigenen Vorteil bedacht zu sein. Und auch sie wird wie das Aschenbrödel für ihre Gutherzigkeit belohnt.
Was können wird daraus über Selbstermächtigung lernen und was gehört noch alles dazu?
Für mich bedeutet es, mir über meine Fähigkeiten und Bedürfnisse bewusst zu sein und einen guten Umgang damit zu pflegen. Auch unter schwierigen Umständen muss ich mich nicht in eine Opferrolle drängen lassen. Auch wenn die Situation ausweglos erscheinen mag und es wenig Möglichkeiten gibt, diese zu verändern, so kann ich doch meine Denken und meine Einstellung bestimmen. Das grösste Beispiel dafür ist für mich Viktor Frankl, der aufgrund seiner Erfahrungen im Konzentrationslager die Logotherapie entwickelt hat und das berühmte Buch «Trotzdem Ja zum Leben sagen» schrieb. Meine Probleme müssen mich nicht zur Verzweiflung bringen, sondern können mir auch helfen, meine Fähigkeiten zu entwickeln und über mich hinauszuwachsen.
Die berühmte Bedürfnispyramide von Maslow beschreibt, was Menschen brauchen, um sich zu entfalten: von den grundlegenden körperlichen Bedürfnissen bis hin zur Selbstverwirklichung. Selbstermächtigung hilft uns dabei alle diese Bedürfnisse auf gesunde Weise zu erfüllen.
Gleichzeitig muss ich mir aber auch nicht Verantwortung und Schuld für die Probleme anderer aufladen (lassen). Ich muss unterscheiden lernen, welche Gefühle und Emotionen wirklich meine eigenen sind und welche ich durch meine Empathie von anderen übernommen habe. Ich darf Grenzen setzen und alles, was nicht zu mir gehört, zurückweisen. Wenn ich innere Stärke entwickelt habe, kann ich auch im Aussen kraftvoll meine Ziele erreichen und eine wirkliche Hilfe für andere sein. Dies ist für Hochsensible eine besondere Herausforderung, da sie meist sehr empathisch und auf Harmonie bedacht sind.
Wie können Hochsensible ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen und erfüllen?
Wir leben in einer komplexen Welt mit vielen Polaritäten, die von Hochsensiblen besonders intensiv gefühlt werden. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance inmitten dieser Polaritäten zu finden. Es ist wie jemand, der Wellen reitet. Ich möchte diese Polaritäten inmitten der verschiedenen Bedürfnisse in Maslows Bedürfnispyramide im Folgenden näher beleuchten.
1. Grundbedürfnisse: Sicherheit und Versorgung
Nach Maslow bilden die Basisbedürfnisse wie Nahrung, Schlaf und Sicherheit die unterste Stufe auf der Pyramide.
Eine grosse Herausforderung für hochsensible und neurodivergente Menschen besteht heute in der Reizüberflutung. Diese ist in grossen Städten besonders intensiv. Verkehrslärm, Fluglärm sowie Baulärm sind sehr präsent. Weniger offensichtlich, aber dennoch nicht ohne Folgen sind Elektrosmog, künstliches Licht mit hohem Blaulichtanteil, und die Fluten von Nachrichten, die jeden mit Smartphone ständig erreichen. Und selbst bei gut isolierten Fenstern in der Wohnung können laute Nachbarn die Regeneration und Erholung zuhause empfindlich stören. Sogar die eigenen Kinder können eine Herausforderung sein. Viele berufliche Tätigkeiten, wie z.B. die Arbeit in einem Grossraumbüro können ebenfalls die Reizverarbeitung von Hochsensiblen überfordern.
Meine Bedürfnisse zu ignorieren, weil alle anderen um mich herum dies tun, kann zu verminderter Leistungsfähigkeit (Stichwort Burnout) und dadurch zu Gefühlen von Minderwertigkeit, Scham, Wut oder sogar zu Depressionen führen. Hier gilt es ganz klar für meine Bedürfnisse einzustehen, auch wenn es bedeutet, dass ich eventuell umziehen oder den Job wechseln muss. Manchmal können aber auch mit kleinen Veränderungen grosse Verbesserungen erreicht werden. Nur wenn ich ein klares Ja zu mir selbst gebe, spiegelt mir die Welt das auch zurück. Dabei versteht es sich von selbst, dass meine Kommunikation dabei zwar klar, aber doch feinfühlig und empathisch ist. Wie das am besten gelingen kann, lehrt uns die Gewaltfreie Kommunikation (GFK).
Die Qualität der Nahrung spielt für sensible Menschen eine ganz besonders wichtige Rolle. Das Gehirn und das Nervensystem von sensiblen Menschen sind oft übermässig aktiv und benötigen darum ganz besonders viel Unterstützung. Nährstoffe müssen in ausreichender Menge vorhanden sein, was mit gewöhnlicher Supermarktnahrung allein schwierig zu erreichen ist. Hier braucht es eine gezielte Unterstützung.
2. Soziale Bedürfnisse: Zugehörigkeit und Liebe
Menschen brauchen Verbindung. Aber echte Nähe entsteht erst, wenn wir uns trauen, authentisch zu sein. Selbstermächtigung in dieser Stufe heißt: Ich darf ich selbst sein – auch wenn das bedeutet, nicht allen Erwartungen zu entsprechen.
Hochsensible Personen sind sehr gut darin, zu erkennen, was der andere braucht und sich wünscht. Dabei vergessen sie leider oft sich selbst. Es kann sogar vorkommen, gar nicht mehr so gut spüren zu können, was die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind. Der grosse Wunsch nach Harmonie führt dazu, dass alles unternommen wird, um diese Harmonie zu wahren und es allen recht zu machen. Irgendwann kommt die Feststellung, dass es gar nicht möglich ist, es allen recht zu machen. Irgendwann kommt möglicherweise eine Phase in meinem Leben, in der ich ganz auf mich alleine gestellt bin. Dann habe ich vielleicht das Gefühl, dass niemand mich versteht. Das kann tiefe Urängste wecken, aber dennoch ist es eine wunderbare Chance, mich wieder mit meiner Seele zu verbinden und zu erkennen, wer ich wirklich bin – und dann eine grosse Liebe und Wertschätzung für diese wunderbare Seele, die ich bin, zu empfinden. Diese Liebe ist so kraftvoll, dass die Meinungen anderer mir plötzlich nicht mehr so wichtig sind. Wenn ich in mir selbst zuhause bin, gibt es keinen Mangel mehr, den ich glaube mit Dingen oder Menschen füllen zu müssen, die mir nicht gut tun. Dafür werde ich mit der Zeit Menschen anziehen, die ähnlich fühlen wie ich und mich so lieben wie ich bin.
Es gibt verschiedene Bereiche im Sozialleben, in denen eine Balance zwischen scheinbar widersprüchlichen Polaritäten gefunden werden muss:
– Grenzen setzen und gleichzeitig ein offenes Herz haben
Wer schon einmal verletzt wurde, möchte sich vor erneuten Verletzungen schützen und kann dann kühl und unnahbar werden. Doch dies würde bedeuten, auch das Glück auszuschliessen.
Selbstermächtigung in diesem Bereich bedeutet, dass ich sehr genau prüfe, mit wem ich meine Zeit verbringe. Fühle ich mich nach einem Kontakt erschöpft und ausgelaugt, darf ich klare Grenzen ziehen und diesen Kontakt beenden oder auf ein Minimum reduzieren. Gleichzeitig darf ich berührbar sein und bleiben und muss mich für Tränen der Rührung nicht schämen.
– Präsenz zeigen und immer wieder Phasen des Rückzugs beanspruchen
Für Hochsensible sind Ruhephasen wichtig. Der Kontakt mit anderen Menschen kann beglückend und inspirierend, aber auch gleichzeitig erschöpfend sein. Sie brauchen immer wieder Zeit, um für sich zu sein und Energie zu tanken. Sogar Jesus, der grosse Menschenfreund, brauchte solche Momente des Rückzugs in der Stille.
3. Wertschätzung: Anerkennung und Selbstachtung
Dies geht einher mit dem nächsten Punkt der Anerkennung. Viele von uns warten auf Lob oder Bestätigung von außen. Doch Selbstermächtigung bedeutet, sich diese Anerkennung selbst zu geben. Es ist wichtig zu spüren: Mein Wert ist unabhängig von meiner Leistung oder der Meinung anderer. Mein Wert ist unermesslich wie die Sterne am Himmel.
Das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Von Anfang an werden wir in dieser Welt bewertet. In Kindergarten und Schule spüren wir eine ständige Bewertung und einen Vergleich unserer Leistungen mit Gleichaltrigen. Erwachsene sprechen oftmals von oben herab, strafen und belohnen und wir fühlen uns zum Objekt degradiert. Als besonders feinfühliges Kind hat mich dies tief geprägt, verwirrt und in meiner Würde verletzt. (Sehr empfehlenswert dazu ist das Buch über Würde von Gerald Hüther.) Ich wollte keinen Wettbewerb, sondern ein wahres Miteinander. Dies hat mich so tief geprägt, dass ich noch heute oft unbewusst den Tadel von Autoritätspersonen fürchte. Auch das Bild vom teilweise liebevollen, aber auch richtenden und strafenden Gott hat mich in Kindheit und Jugend geprägt. Heute arbeite ich ganz bewusst daran, mich von diesen Prägungen zu lösen und es nicht an meine Kinder weiterzugeben. Denn ich weiss heute, ich bin in meinem Leben meine eigene Autorität. Da, wo ich nicht die Freiheiten anderer beschneide, darf ich frei entscheiden. Ich lasse mich von niemandem manipulieren und lasse mich von meiner Herzintelligenz leiten.
4. Selbstverwirklichung: das volle Potenzial leben
Ganz oben in der Pyramide steht die Selbstverwirklichung. Sie ist tatsächlich nur möglich, wenn wir uns selbst ermächtigen: die Erlaubnis geben, zu träumen, zu gestalten und die eigene Kreativität auszudrücken. Selbstverwirklichung setzt voraus, dass ich verstehe, warum ich zu dieser Zeit auf dieser Erde bin und was ich dadurch bewirken will.
5. Transzendenz: über sich hinauswachsen
Maslow erweiterte später seine Theorie und sprach von „Transzendenz“ – dem Wunsch, Teil von etwas Größerem zu sein. Auch hier wirkt Selbstermächtigung. Ich gebe mich dem Gefühl des All-eins-seins hin, aber bleibe doch ich selbst. Ich erkenne, dass alles miteinander verbunden ist und bin daher umso mehr auch an dem Wohl des anderen interessiert.
Welche Rolle wird Selbstermächtigung in der Zukunft spielen?
In Zeiten von KI und anderen modernen Technologien wird uns sehr viel Arbeit abgenommen. Das kann positiv sein und helfen, die eigene Produktivität zu erhöhen, doch es sind auch Gefahren damit verbunden, wenn man sich zu sehr auf die Technik verlässt. Auch beim selbstfahrenden Auto ist es von Vorteil, wenn der Fahrer immer noch aufmerksam bleibt und bei Bedarf eingreifen kann.
Wir haben heute den Komfort eines Supermarktes, wo wir alle Lebensmittel bekommen, die wir brauchen. Und doch kann es von Vorteil sein, wenn man weiss, wie man selbst Lebensmittel anbaut und wenn man einen Vorratskeller hat. Bestimmte Szenarien könnten dies zukünftig erforderlich machen.
Es war schon immer die Aufgabe der Sensiblen, Veränderungen in Gesellschaften wachsam zu begleiten und gegebenenfalls vor negativen Entwicklungen zu warnen.
Dabei ist es wichtig, sich über die eigenen Werte im Klaren zu sein und auf die eigene Herzintelligenz zu vertrauen.
Reflexionsfragen für mehr Selbstermächtigung im Leben
In welchem Bereich übernimmst du schon Verantwortung für dein Leben?
Wo in deinem Leben fühlst du dich noch gefangen in alten Mustern und Rollen?
Wie würde dein Leben aussehen, wenn du völlig selbstbestimmt leben könntest? Kreiere eine möglichst detaillierte Vision für dich, die du auch gerne zu Papier bringen kannst.