Wie garantiert jeder zeichnen lernen kann und warum sich das lohnt

Dieses Thema ist eine echte Herzensangelegenheit für mich. Mittlerweile habe ich viele Erklärungen und Bestätigungen für etwas gefunden, das ich früher rein intuitiv geahnt habe. Sich der Kunst zu widmen ist mehr als ein blosser Zeitvertreib, ein «nice to have». Die Beschäftigung mit der Kunst ist ein wichtiger Schlüssel, um sein inneres Potential zu entfalten. Es ist ein anderer Weg, um mit der Welt, besonders auch der inneren Welt, zu interagieren. Und das beste ist: Es steht jedem offen.

Wie das Zeichnen meine Kindheit und Jugend geprägt hat

Seit ich denken kann, mochte ich das Zeichnen. Vieles im Leben fühlte sich als Kind für mich unsicher an. Ich war ein sensibles Kind, das alle Reize um sich herum intensiv wahrnahm und oft davon überwältigt war. Doch das Blatt Papier vor mir war immer mein «Safe Space». Hier konnte ich selbst bestimmen, wie ich diesen Raum füllen wollte. Ein schöner Nebeneffekt war, dass ich mit zunehmendem Alter immer mehr bewundernde Kommentare für meine Zeichnungen erhielt.

Ich mochte es so sehr, dass ich als Kind auch mal den Wunschberuf «Künstlerin» hatte.

Doch dann lernte ich, dass man mit Kunst kein Geld verdienen konnte. Zudem realisierte ich mit Aufkommen des Internets, dass meine Kreationen im Vergleich zu den Kunstwerken erfolgreicher Künstler meist eher langweilig waren. Heute weiss ich, dass das Vergleichen besonders in der Kunst schnell destruktiv sein kann. Es geht darum den eigenen Stil, den eigenen Ausdruck zu finden. Und das ist nur möglich, indem der Künstler auch viel Kunst produziert. Nur die Künstler, die drangeblieben sind, sind auch erfolgreich geworden.

Ich hatte jedoch hohe Erwartungen an jedes Bild, an dem ich arbeitete und war schnell enttäuscht, wenn meine Werke meinen Erwartungen nicht gerecht wurden. Ich wollte kein Material «verschwenden». So wurde die Kunst zu einem Hobby für mich, dem ich nachgehen konnte, wenn ich gerade mal Zeit hatte und alles «Wichtige» zuerst erledigt war. Ich nahm mir dann leider immer weniger Zeit dafür.

Die Kunst in der Mutter-Kind-Beziehung

Als ich Mutter wurde, begannen meine Künstlerutensilien noch mehr zu verstauben. Meine Kreativität beschränkte sich hauptsächlich auf das Fotografieren meiner Kinder. Ich hatte jedoch die Vision, eines Tages wieder Kunst zu machen – und zwar mit meinen Kindern zusammen. Zudem hatte ich die Hoffnung, mein älterer Sohn könnte sich so wie ich damals zuhause und unterwegs mit Zeichnen und Basteln eine Zeit lang still beschäftigen. Diese Erwartung wurde jedoch früh enttäuscht. Mein Sohn fand das Zeichnen lange Zeit langweilig. Eher interessierte er sich noch für das Malen mit dem Pinsel. Doch plötzlich, zwischen fünf und sechs Jahren hat er damit angefangen öfter zu zeichnen und versucht nun bewusst Dinge, die ihm wichtig sind, auf dem Papier wiederzugeben. Es macht ihm nun auch Freude, mit mir gemeinsam zu zeichnen. Für Kinder darf alles ein Spiel sein, auch das Malen und Zeichnen. Arno Stern spricht daher auch vom «Malspiel».

Durch meine pädagogische Ausbildung wusste ich, dass ich meine Kinder nicht zum Zeichnen drängen sollte. Denn die wichtigste Rolle eines Pädagogen ist es, das Kind in seiner Entwicklung zu begleiten, mit einer liebevollen Präsenz, ohne ständig zu urteilen und zu bewerten. Es ist hilfreich, wenn genug Material bereitsteht, so dass das Kind selbst damit beginnen kann, wenn es Lust dazu hat. In dem Kind selbst ist schon alles für seine Entwicklung angelegt. Es ist kein leeres Gefäss, das gefüllt werden muss, sondern eher wie eine kleine Pflanze, die guten Boden, Sonne, Wasser und Nährstoffe braucht, um wachsen zu können. Alles andere bringt sie schon mit.

Mehr über die kindliche Entwicklung findet sich bald in einem weiteren Artikel von mir.

Mit zunehmender Selbständigkeit meines zweiten Kindes spürte ich, dass die Zeit mehr als reif war, mich wieder der Kunst zu widmen und ich suchte nach einer Methode, wie ich meine Zeichenfähigkeiten verbessern konnte. Ich fand ein Buch im Regal, das mein Mann, der früher selber gerne gezeichnet hat, derzeit gekauft hatte. Das Buch heisst: «Garantiert zeichnen lernen» von Betty Edwards. Ich begann zu lesen und hatte ein Aha-Erlebnis nach dem anderen.

Warum das Zeichnen so wichtig ist wie Lesen lernen

Die wichtigste Erkenntnis war die, dass jeder, dessen Motorik und Sinne normal entwickelt sind, das Zeichnen gut lernen kann, so wie er auch Lesen und Schreiben lernen kann. Es braucht dafür kein spezielles Talent. Und genauso wie das Lesen und Schreiben lernen eine Grundlage und Voraussetzung für die ganze spätere Bildungskarriere sind, so ist auch das Zeichnen lernen die Grundlage für viele wichtige Kompetenzen. Diese sind:

1. Eine Schulung der Wahrnehmung – die Grundlage für jedes Lernen

Betty Edwards spricht davon, dass Zeichnen kein „Handwerk“ im klassischen Sinn ist, sondern vor allem eine Form des Sehens. Kinder lernen beim Zeichnen, genauer hinzusehen, Unterschiede zu erkennen, Beziehungen zwischen Formen, Größen und Abständen wahrzunehmen.

«Zeichnen ist vor allem eine Schulung des Sehens – und damit des Denkens.»

Diese geschärfte Wahrnehmung ist die Grundlage für räumliches Denken, Konzentration, Detailgenauigkeit – wichtige Fähigkeiten in Mathematik, Naturwissenschaften, Technik, aber auch im Alltag.

2. Die Aktivierung der rechten Gehirnhälfte wird gefördert

Einer der Kernpunkte von Edwards’ Methode ist das bewusste Umschalten vom analytischen, sprachlich-logischen Denken (linke Gehirnhälfte) zur bildhaften, intuitiven Wahrnehmung (rechte Gehirnhälfte). Beim Zeichnen lernen Kinder, sich in ein anderes „Denksystem“ zu begeben – eines, das oft ruhiger, achtsamer, kreativer ist.

Das macht sie flexibler im Denken, stärkt die Fähigkeit, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten – ein Schlüssel für späteren schulischen und beruflichen Erfolg.

Schon öfter bin ich bei meinen Recherchen zu dem Thema, Hilfen bei Lernschwierigkeiten, auf das Konzept von rechter und linker Hirnhemisphäre gestossen, gleichzeitig lese ich auch immer wieder, wie dieses Konzept in Frage gestellt wird. Betty Edwards geht in ihrem Buch auch darauf ein. Sie schlussfolgert, dass es für sie allein darauf ankomme, dass es offensichtlich zwei verschiedene Modi gibt, in denen das Gehirn arbeitet. Wo genau diese zu lokalisieren sind, spielt für sie nicht wirklich eine Rolle. Interessant ist jedenfalls, dass der «linke» Modus in unserer heutigen Gesellschaft eindeutig bevorzugt wird, obwohl im «rechten» Modus viele Probleme viel schneller und ganzheitlicher angegangen werden könnten. Denn oft sehen wir «den Wald vor lauter Bäumen» nicht, wie es so treffend heisst. Tatsächlich werden ihre Übungen für den rechten Gehirnmodus schon von vielen, auch kunstfremden Organisationen genutzt, wie beispielsweise Trainingsseminare von Firmen. Der Erfolg ihrer Methoden spricht offensichtlich für ihre Theorien.

Damit zusammenhängend gibt es noch einen ganz wichtigen Punkt:

3. Die psychische Gesundheit wird gestärkt

wie hören heute immer wieder, wie gestresst unsere schnelllebige Zeit uns alle werden lässt. Wir befinden uns oft in einem Gedankenkarussell aus Sorgen dem Gefühl, noch mehr tun zu müssen, noch besser werden zu müssen. Wie hören, wie wichtig es ist dem entgegenzuwirken mit vielen Entspannungsübungen, Atemübungen, Meditationen etc. Der Parasympathikus soll dadurch aktiv werden, der Puls verlangsamt. Ich muss ehrlich sagen, ich kann nicht gut meditieren, höchstens vor dem Schlafengehen. Das hilft mir dann beim Einschlafen. Doch das Zeichnen ist eine wunderbare meditative Tätigkeit. Wenn ich mich ganz darauf einlasse und mich in diesem Flow-Zustand befinde, dann verschwinden auch die sorgenvollen, kreisenden Gedanken. Dies wirkt sich dann wiederum sogar auf die körperliche Gesundheit aus.

Auch die Konzentrationsfähigkeit wird gestärkt, was ja gerade bei Menschen mit ADHS-Problematik ein wichtiger Punkt ist.

Die fünf Grundprinzipien des Zeichnens nach Betty Edwards:

1. Wahrnehmung von Konturen (Edges)

Statt sich auf die Benennung von Dingen zu konzentrieren („das ist ein Auge“), soll man lernen, die Linien und Formen wahrzunehmen, die die Grenzen zwischen Objekten und Flächen bilden. Dies hilft, objektiver und genauer zu zeichnen.

2. Wahrnehmung von negativen Räumen (Negative Space)

Man soll nicht nur die Form des Objekts selbst zeichnen, sondern auch den Raum um das Objekt herum betrachten und zeichnen. Das hilft, Proportionen und Formen besser zu erfassen.

3. Wahrnehmung von Beziehungen (Proportionen und Perspektive)

Hier geht es darum, wie Teile eines Objekts zueinander in Beziehung stehen – z. B. Größenverhältnisse, Winkel und Abstände. Ein bewusstes Messen mit dem Bleistift oder Auge wird gefördert.

4. Wahrnehmung von Licht und Schatten (Licht & Schattenformen)

Durch das Beobachten von Lichtverhältnissen und Schatten lernt man, Tiefe und Volumen darzustellen. Es geht um das Sehen von Formen, nicht um das Malen „nach Wissen“.

5. Ganzheitliches Sehen / Wahrnehmung des Gesamten

Ein zentraler Aspekt ist die Fähigkeit, nicht nur Details, sondern das gesamte Bild oder Motiv zu erfassen – um es als zusammenhängendes Ganzes zu zeichnen.

Da mir das Zeichnen schon früh leichtgefallen ist, muss ich vieles wohl schon intuitiv richtig gemacht haben. Ich freue mich darauf, die Übungen von Betty Edwards zu diesen Prinzipien zu machen, und sie in etwas abgewandelter Form auch mit meinem Sohn zu machen. Demnächst werde ich dann über unsere Erfahrungen berichten und unsere Ergebnisse präsentieren. Wer hat auch schon Erfahrungen mit den Übungen von Betty Edwards? Ich freue mich auf Kommentare.

2 Kommentare zu „Wie garantiert jeder zeichnen lernen kann und warum sich das lohnt“

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  2. Claus Wolfschlag

    Es führen sicherlich viele Wege bzw. Methoden zum Ziel. Mit der vorgestellten Methode dürften die Begleitwirkungen im Vordergrund stehen, erst dahinter das Resultat. Das ist sicher nicht falsch. Durch die innere Ruhe beim Zeichnen (also als eine Art meditativer Akt), durch die Abschaltung des im Alltag genutzten rationalen Denkens und die Aktivierung anderer Hirnareale wird die Voraussetzung geschaffen, dass daraus dann ein künstlerisches Resultat entsteht. Auf jeden Fall ein gangbarer Weg. Ich bin gespannt auf den Erfahrungsbericht.

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